Der archaische Wahnsinn geht weiter. Wir falten uns hinters Zwergen-Lenkrad des neuen Caterham 275. Macht euch bereit für köstlichen Verzicht  

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Ein „neuer“ Caterham?

Jap. Wobei „neu“ relativ ist für ein Auto, das länger auf dem Markt ist als der Durchschnittskandidat von „Schwiegertochter gesucht“.

Der Caterham 275 setzt sich im „leicht“ unausgewogenen Seven-Portfolio irgendwo in Richtung Mitte. Also dorthin, wo bis jetzt eine monströse Lücke klaffte.

Zur Erinnerung an alle, die nicht ganz so viel mit haarsträubend groteskem Insel-Leichtbau am Hut haben: Auf der einen Seite gibt es den frivolen, aber etwas arg niedlichen 165 mit seinem 80 PS-Turbo-Dreizylinder von Suzuki. Und auf der anderen, überaus bösen Seite haben wir den psychisch grenzwertigen 485 mit 240 PS sowie den von allen guten Geistern verlassenen 620R mit 310-Kompressor-PS.

Also ist der 275 der Caterham der Vernunft?

Naja … also … wenn man kurz außer Acht lässt, dass ein Caterham generell in etwa so vernünftig ist, wie an einer Cruise Missile befestigt über einen ausbrechenden Vulkan zu fliegen, dann ist dem wohl so.

Der 275 kommt mit Fords 1,6-Liter-Sigma-Motor, der grundehrliche 137 PS bei 6.800 U/min und 165 Newtonmeter bei 4.100 U/min an die pygmäenhaften 13-Zoll-Hinterräder sendet (für die Eisdielen-/ McDonalds-Parkplatz-Poser unter euch gibt es auch Radkasten-zerberstende 15-Zoll-Alus).

Ich weiß, diese 137 PS klingen nicht gerade, als könnten sie die Wurst vom Teller ziehen, aber bedenket stets, was das Schöne an Caterhams ist: Sie wiegen in der Regel nicht viel mehr als 500 Kilo. In diesem Fall sind es 540 und so wird auch das Beschleunigungserlebnis im 275 zu einem einzigen, magenschwingenden Sinnesrausch.

Ist der kleine Ford-Sauger denn so gut?

Durchaus. Er spricht schon bei knapp 2  000 Touren gnadenlos rabiat an und dreht mit reichlich Schaum vorm Mund bis zur Drehzahlgrenze bei 7 200 U/min. Der Schalthebel des optionalen Sechsgang-Getriebes ist zwar so klein, dass man ihn kaum sieht, aber er klackt so gierig durch die engen Gassen, dass es die hellste Freude ist.

Okay, um ehrlich zu sein: Das hier ist schon ein Stück weit entfernt von der grenzdebilen Beschleunigung eines 485 oder 620R. Aber wenn etwas, das aussieht, wie ein Frosch, der eine 3,40 Meter lange Zigarre verschluckt hat, in 5,0 Sekunden auf 100 wackelt, dann reicht das allemal für eine anständige Portion Nervenkitzel.

Wie viel Nervenkitzel?

Naja, also … er ist keine Nacht allein im Wald, nachdem du dir alle acht SAW-Teile reingezogen hast (dafür ist der 620R zuständig). Er ist einfach ein herrlich leicht verdauliches Stück Kick.

Natürlich ist er ein Caterham, weshalb er amüsanter ist als alles, was man nicht im Liegen anstellt. Als R-Modell (es gibt auch eine S-Variante mit solch undenkbaren Komfort-Features wie Ledersitzen oder einem Teppich) hat der 275 sogar viele scharfe Zutaten der stärkeren großen Brüder an Bord – da wären eine mechanische Hinterachssperre, ein einstellbares Bilstein-Fahrwerk, ein verstellbarer Stabi hinten oder die größere AP-Bremse.

Allerdings macht er den typischen, ohrenbetäubenden, knatternden und ratternden Spaß leichter zugänglich, weil schon niedrigere Geschwindigkeiten reichen, um die Magie zu spüren.

Was meinst du damit?

Na, dass sich schon knapp 90 km/h anfühlen, wie in anderen Autos 210 (das ist positiv gemeint). Und, dass er auch mit „nur“ 137 PS in puncto Agilität und Lebendigkeit weitgehend unnereicht bleibt. Die Lenkung ist so gut, sie kann nicht von dieser Welt sein und in den Bremsen liegt mehr Gefühl als im kleinen Zeh dieses argentinischen Weltfußballers, der bei Preisverleihungen gerne schreckliche Anzüge trägt.

Man kann so wunderbar mit dem 275 spielen und sich relativ gefahrlos an all das unsinnige Zeug wie die kleinen bis mittelschweren Heckschwenks herantasten. Und wenn man einen heroischen Drift auch mal länger halten will, ist dafür auf jeden Fall genug Kraft vorhanden. 

Okay, er macht Spaß. Irgendwelche Schwächen?

Aber sicher, es ist ein Caterham. Das bedeutet: Du siehst total lächerlich aus, wenn du versuchst einzusteigen. Du brauchst keine Nagelschere mehr, weil du deine Fingernägel auch auf der Straße feilen kannst, wenn du das für eine gute Idee hälst. Außerdem drückst du ständig alle drei Pedale gleichzeitig, wenn du nicht gerade Schuhgröße 33 trägst oder (noch besser) über Ziegenhufe verfügst.

Ach ja, und dann ist da noch die böse Luft. Gerade wenn du die klapprigen „Türen“ mit ihren wild vibrierenden Außenspiegeln nicht dabei hast, ist der Wind nahezu unerträglich. Ab etwa 100 km/h kriegst du kaum noch Luft und die Vierpunktgurte, die dich einschnüren wie eine schlecht frisierte Version von Houdini, peitschen dir unbarmherzig ins Gesicht.

Aber ganz ehrlich: Irgendwie ist all das auf eine etwas verstörende Weise auch ziemlich wunderbar.

Es ist also kein Fehler, einen 275 zu kaufen?

Überhaupt nicht. Bei Sound, Speed und schierer Dramatik bleibt der Caterham 275 zwar schon ein ganzes Eck hinter den denkwürdigen Varianten mit 240 und 310 PS zurück. Und wer Caterhams gewohnt ist und öfter mal auf die Rennstrecke geht, könnte vielleicht irgendwann den Wunsch nach etwas mehr Bumms und Theater verspüren.

Im Grunde genommen ist der 275R aber absolut alles, was man sich von einem Caterham nur wünschen kann. Und er kostet kolossale 12.000 Euro weniger als der brutale 485. Mit fast 43.000 Euro ist er zwar immer noch teurer als ein VW Golf R, aber er gibt dir ein Erlebnis, das mit Geld nur schwer aufzuwiegen ist.

Autor: Stefan Wagner

Daten: 1596 ccm, 4-Zylinder-Sauger, Frontmotor, Heckantrieb, 137 PS, 165 Nm, 6,3 l/100 km, 147 g/km CO2, 0-100 km/h in 5,0 s, 196 km/h Spitze, 540 kg, 42.775 Euro

 

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