Nissan transplantiert GT-R-Organe in seinen kleinen Crossover. Wir versuchen, nicht wegzufliegen.

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Also gut, was ist das?

Das ist ein Rhinozeros, das versucht sich auf einer „Nur-für-Dackel“-Cocktailparty (okay, das klingt wirklich absurd) einzuschleichen, indem es sich Schlappohren aufsetzt und vorgibt, Würstchen zu mögen.

Sprich: Die Tarnung ist erbärmlich?

Exakt. Der Juke-R teilt sich zwar Namen und Silhouette (zumindest Teile davon) mit Nissans kleinstem SUV, allerdings ist all das ein mehr als fadenscheiniger Deckmantel. Unter der Oberfläche ist das hier schließlich ein wild schnaubendes, barbarisches Supercar.

Würdet ihr euch die Mühe machen, den Juke-R von seiner mattschwarzen Hülle zu befreien, würdet ihr nichts anderes zum Vorschein bringen, als einen Nissan GT-R. Inklusive monströsem Biturbo-V6, ausgefuchstem Allradantrieb, Doppelkupplung und all dem Zeug.

Gab's das Ding nicht schonmal?

Gab's. Den Original-Juke-R ließ Nissan 2012 auf die Menschheit los. Sie tauften ihn „das erste Crossover-Supercar der Welt“.

Und was genau ist jetz neu?

Ganz offensichtlich fand Nissan die 485 PS – und eine Null-auf-100-km/h-Zeit von 3,7 Sekunden – ein wenig unangemessen. Womöglich wollten sie auch nicht verantwortlich sein, wenn du an der Ampel blamiert wirst von einem … sagen wir mal … mit viel Ehrgeiz gesteuerten Fiat 500X.

Folglich pumpt Juke R 2.0 nun mit schön glatten 600 PS. Das aber nicht, wie viele denken, durch den Einbau der GT-R-Nismo-Maschine, sondern durch eine überarbeitete Version des 2012er GT-R-Aggregats.

Der Spurt auf 100 km/h dauert jetzt nur noch gut drei Sekunden und die Höchstgeschwindigkeit liegt bei … naja, um ehrlich zu sein: Keiner hat den Juke-R bisher über eine Straße gejagt, die lang genug war. Aber mit „ausreichend“ sind wir wohl auf der sicheren Seite.

Sonst noch irgendwas neu?

Der 2015er Juke-R kriegt einen ganzen Schrank voller neuer Carbon-Teile – die neue, megakantige Frontschürze zum Beispiel – um ihn, so sagt es Nissan, optisch näher an den kürzlich gelifteten normalen Juke zu rücken. Ähm, okay … wenn man extrem schielt vielleicht.

Innen können sie euch aber nicht zum Narren halten. Wo sich im normalen Juke Rücksitze befinden, lauert hier ein ganzes Spinnennetz aus Rohren und Streben. Dieser „Kofferraum“ sieht aus wie ein Baugerüst und das ist gut so. Schließlich soll sich der arme kleine Crossover nicht bei jedem Gasstoß biegen wie ein Teller totgekochte Spaghetti.

Ich gebe es zu, da sind auch ein paar mehr Zugeständnisse ans Ambiente, als das vorher der Fall war. Am offensichtlichsten wird das bei den adretten Recaro-Schalen, die mit Vierpunktgurten versehen wurden. Und die Mittelkonsole kommt direkt vom GT-R. Komplett mit einer schwindelerregenden Zahl an Knöpfen, Schaltern und Menüs, die dir in fürchterlich vielen Grafiken alles über deine Fahrperformance erzählen.

Jetzt sag schon, wie fährt er sich?

Bekloppt. Ich meine, seien wir ehrlich, wer kommt auf die Idee einen GT-R zu fahren, nur um sich dann zu überlegen: „Weißt du, was das hier noch besser machen würde? Wenn es kürzer wäre. Und höher. Und ein bisschen aussehen würde wie ein Juke.“

Ähnlich wenige Juke-Käufer, vermutet TopGear, werden sich wohl nach ein paar Wochen mit ihrem neuen Auto gedacht haben: „Weißt du was das hier noch besser machen würde? 500 PS mehr. Und Schalensitze.“

Doch ganz offen gesagt, wen juckts? Der Juke-R wird höchstwahrscheinlich keine Frage beantworten, die irgendein halbwegs rationaler Mensch jemals gestellt hat, aber er ist verdammt nochmal großartig.

Und schnell noch dazu. Lächerlich, Comic-Heft-schnell, um genau zu sein. Die Drei-Sekunden-auf-100-Aussage ist vollkommen glaubhaft: Hau das Gaspedal in den Boden und der Biturbo füllt seine Lungen. Der Juke-R bäumt sich kurz auf und explodiert dann einfach die Strecke hinunter. Mit einer Art Tempo, die eigentlich den Alphatieren unter den Supersportlern vorbehalten ist.

Wenig überraschend fühlt er sich in vielerlei Hinsicht an, wie das Auto, auf dem er basiert. Auch der Juke-R hat diese breit gefächerte und völlig irre Leistungsentfaltung. Und er hat es genauso verblüffend gut drauf, die Power an die Achse, ja sogar an das Rad zu schicken, welches sie gerade am besten brauchen kann.

Ein paar Unterschiede gibt es natürlich trotzdem. Der Juke-R wirkt einfach … naja … absurder, alberner. Der kürzere Radstand (Nissan hat die GT-R-Plattform gestutzt und dia Antriebswelle gekürzt) und der höhere Schwerpunkt machen ihn sowohl beim Bremsen als auch in der Kurve einfach ein bisschen ekelhafter. Wenn du in den Holzhacker-Modus wechselst, merkst du sofort, wie er mehr schaukelt und nickt.

Klingt das alles ein wenig … nun … beängstigend? Keine Sorge, das ist es nicht. Der Juke-R ist, zumindest auf der Rennstrecke, ein Spaßfass ohne Boden. Wie ein GT-R, den man in einen gewaltigen Cartoon-Emulator gesteckt hat.
Wo Godzilla seinen Fahrer, was die Grenzen der Physik betrifft, stellenweise ein wenig im Dunkeln tappen lässt, erzählt dir der Juke-R ganz genau was da gerade so los ist: Er sagt dir genau, wohin sich das Gewicht gerade verlagert und er sagt dir auch genau, wie schlecht (meistens: wie viel zu spät) dein letzter Bremspunkt war.

Die Förderung unnatürlicher Transpiration gelingt allerdings auf mehr als nur eine Weise. Nissan musste nämlich die Klimaanlage abzwicken, was in Kombination mit einer gesunden Menge 3,8-Liter-V6-Hitze für ordentlich schweißelnden Vortrieb an einem warmen Trackday sorgt.

Kann ich einen kaufen?

Wenn du das nötige Kleingeld hast, schon. Unser Test-Juke-R ist zwar ein Prototyp und es gibt keine offiziellen Produktionspläne.

Aber Nissan hat zwei Kundenfahrzeuge des letzten Juke-R gebaut (beide angeblich für ein und denselben Vogel. Für, angeblich, irgendwas um die 700.000 Euro das Stück) und sagt, sie würden es beim Juke-R 2.0 wieder tun, wenn denn ein großherziger Käufer mit einer entsprechend molligen Brieftasche daherkäme.

700.000 Euro für einen kleinen, absurden Crossover ist definitiv eine absurd große Menge Geld. Für die milliardenschweren Petrolheads dieser Welt ist Individualität aber mittlerweile das Allerwichtigste. Und viel individueller als in einem Juke-R wird es wohl nicht.

Autor: Sam Philip

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