Jaguars oberster Autogestalter spricht mit TopGear über Crossover, autonome Autos und mehr

Ian Callum, Jaguar-Chefdesigner

Jaguar-Chefdesigner Ian Callum ist immer für einen humorigen und aufrichtigen Plausch gut. Kürzlich haben wir mit ihm beim Mittagessen zusammengesessen. Die Gesprächsthemen waren weit gespannt, und dabei fiel ein Licht auf Jaguars Designpläne.

Callum ist seit 1999 bei Jaguar, und war verantwortlich für die Wende der Marke vom Retrodesign zur Modernität. Denn laut Callum hatten die Autos während Jaguars Retroperiode auf die „Dschägs“ der 60er angespielt, die zu ihrer Zeit extrem progressiv waren. Kapiert?

Davor hat Callum bei TWR gearbeitet, der Ingenieursfirma, die für Aston Martin den DB7 entwickelte. Callum entwarf dort neben dem DB7 auch den originalen Vanquish und den DB9. Ein ziemlich erstaunlicher Lebenslauf.

In diesen Jahren hat Callum auch den Langstreckenrenner Nissan R390 gezeichnet, und bei Ghia an Designstudien gearbeitet. Und mit seinem Freund, dem Volvo-Designer Peter Horbury, hat er den Volvo S70 in den ersten C70 verwandelt, sowie den Escort in den Escort Cosworth.

Wenn er über Design spricht, lohnt es sich zuzuhören. Hier also „Ian Callum – und wie er die Welt sieht“.








Über den Crossover F-Pace

„Der F-Pace ist das Auto, von dem ich schwor, dass ich es nie, nie gestalten würde. Aber jetzt bin ich froh darüber. Er wird toll. Die starken Crossovers werden dabei helfen, die Palette zu komplettieren. [TopGear stellt fest, dass er „Crossovers“ gesagt hat, also Plural. Callum lächelt und distanziert sich nicht davon.]

Ich denke, der F-Pace wird unser Bestseller. Crossover haben von Natur aus etwas Britisches an sich. Als wir uns an den F-Pace machten, war es eine Herausforderung. Es war keine selbstverständliche Aufgabe für mich.

Ich habe Julian Thompson [Jaguars Advanced-Design-Leiter, verantwortlich für die Studie Land Rover LRX, aus der später der Evoque wurde] aufgezogen und ihm gesagt: ‘Komm Jules, du hast doch solche Lastwagen schon mal gemacht.’ Aber das hier ist anders als der LRX, er hat einen Längsmotor und ein ganz anderes Packaging.

Wir wussten, dass wir einige Dinge neu entwickeln mussten. Es war viel heikler als nur ein Crossover mit Jaguar-Merkmalen dran. Ein paar unserer frühen Entwürfe waren klassentypisch, aber dann schalteten wir auf den Jaguar-Modus um.“






Über das Design von autonomen Autos

„Wird man ein autonomes Auto haben wollen, oder wird es eher weiße Ware werden? Ich weiß es wirklich nicht. Ich bin noch nicht soweit. Autonome Autos sind was für die nächste Designergeneration.

Es ist in, über das autonome Fahren zu reden, es ist eine große Sache. Aber wir haben zuerst noch andere große Sachen vor – Elektroautos, die technischen Spielereien oder Unobtanium [schwer beschaffbares Metall aus Nimmerland, im deutschen Sprachraum auch als Unbeschaffbarium bekannt] zur Gewichtseinsparung. Ich finde diese Dinge aufregender.“


Über Interieurdesign

„Mein Schwerpunkt liegt darin, die nächste Generation des Jaguar-Interieurs eigenständig und ziemlich edel zu machen. Die Marke verdient es. Natürlich gibt es eine Menge Einschränkungen. Man muss die Materialien kennen, die Haptik und die Ergonomie berücksichtigen. Ich denke, die Sitze werden sich stark verändern. Bisher sind sie zu wuchtig.“


Über Aerodynamik

„Aerodynamik ist heute wieder wichtiger, genau wie zu Beginn meiner Karriere. Wir nähern uns schrittweise der perfekten Aerodynamik, statt über den Gesamtentwurf.

Unsere Kurven und Formen sind nicht ideal für die Aerodynamik. Die Ironie ist, dass Malcolm Sayer [der Designer der klassischen Modelle D- und E-Type] dachte, sie wären es. Die geraden Linien des XJ-S waren besser. In fünf oder sechs Jahren werden wir den cW-Wert unter 0,2 kriegen, durch Detailarbeit und bewegliche Aerodynamikteile.“


Über das Design-Erbe

„Der F-Type ist kein neuer E-Type. Er ist nur ein zweisitziger Jaguar-Sportwagen mit Frontmotor, der beste, den wir bauen können.

Viele Käufer kennen den E-Type nicht, oder er ist ihnen egal. Aber wir nutzen unser Erbe im Marketing, weil wir es haben. Wir können es herzeigen. Aber wir dürfen nicht davon belastet werden, wie es eine Weile der Fall war.“


Über Lieblingsautos

„Abgesehen von Jaguars ist mein Lieblingsauto der Ferrari 250 SWB. Der Favorit unter meinen eigenen Entwürfen ist der F-Type. Ich bin immer noch stolz auf den Aston DB7. Er entstand im Politik-Sumpf von Ford, aber Tom Walkinshaw [Rennfahrer und Gründer von TWR] drückte ihn durch. Mit ihm wurde Geld verdient, weil er eine Jaguar-Plattform nutzte und für 65.000 Pfund [zu heutigem Kurs fast 90.000 Euro] verkauft wurde.

Ich hätte gerne mal einen 911 entworfen. Er hat eine schöne Form. Aber ich frage mich immer, ob ich ihn größtenteils so lassen oder ihn radikal verändern würde. Die Antwort ist jedes Mal anders. Ich habe übrigens kein Verlangen danach, einen Mustang zu gestalten. Das ist was für Moray [Moray Callum, Ians jüngerer Bruder und Ford-Chefdesigner für Nord- und Südamerika].“


Über das Design-Team von Jaguar

„Wir haben ein gutes Team, ein fantastisches Team. Es ist keine Demokratie, aber wir ziehen am gleichen Strang. Denn was wir machen wollen, ist ein echter Jaguar. Wir alle wissen das.

Julian und ich sind wie ein altes Ehepaar. Er tut Dinge, von denen er weiß, dass ich sie nicht mag. Ich beginne den XJ-S allmählich zu mögen, Julian hasst ihn. Aber das ist okay. Wir beide verstehen Jaguar.“


Über die nächste Jaguar-Generation

„Wir sind heute bei Jaguar Design in einer Phase, wo wir fragen, was wir als Nächstes tun werden. Der F-Pace wird keine Überraschung sein – das Serienfahrzeug und die Designstudie wurden zur gleichen Zeit gestaltet. Danach aber wird es einen deutlichen Generationswechsel geben.“


Über das polarisierende Design des XJ

„Ja, der XJ polarisiert, und ich stand unter Druck, ihn mit einem Facelift konventioneller zu machen. Aber er wird nicht konventioneller werden.

Das am stärksten kontroverse Detail sind die Rücklichter. Die Leute, die ihn gekauft haben, kamen irgendwann auf den Geschmack. Einige Leute in der Firma mögen sie immer noch nicht. Aber in China, wo er ein Auto für junge Kunden ist, hat er sich gut verkauft. Im Westen ist ein Auto mit einem solchen Preis nicht für junge Leute greifbar.

Jaguar als Marke hat bei Wahrnehmung und Bekanntheit in manchen Ländern wie den USA noch ein Stück Weg vor sich. Bis jetzt hatten wir eigentlich nur zwei Limousinen, aber mit dem XE und dem F-Pace wird sich das ändern, und vielleicht wird der XJ stärker in Schwung kommen.“




Über den neuen XF

„Der neue XF hat sich aus dem alten XF entwickelt. Es geht darum, die Jaguar-Familie zu stärken, also unterscheidet er sich nicht radikal vom alten. Der nächste XF wird völlig anders sein.

Der ursprüngliche XF war ein großer Erfolg. Es wurden fast 40.000 Stück pro Jahr verkauft, und es blieb beinahe bei dieser Zahl, bis wir letzten Monat die Produktion gestoppt haben. Aber zum Lastenheft des Neuen gehörte, ihn praktischer zu machen und mehr Raum rauszuholen. Viele Leute kauften den ursprünglichen nicht, weil er hinten zu wenig Platz hatte.

Wenn es unter dem XF nicht den XE gäbe, wäre ich versucht gewesen, ihn sportlicher aussehen lassen. Der XE und der XF teilen sich unsere neue Plattform, und das ist die erste, völlig neue Plattform für Jaguar-Limousinen seit dem ersten XJ im Jahr 1969. Alles andere waren Anpassungen, oder Sachen, die wir von Ford geerbt haben. Dieses Mal konnten wir nach unseren eigenen Wünschen entwickeln.“




Über seine Zeit bei Jaguar

„Ich fing mit einer naiven Vision an. Ich war wie versteinert davon, dass man mir die Bewahrung von etwas sehr Wichtigem übertragen hatte. Eine Korrektur war nötig, weil es sich nicht mehr um die dynamische, moderne Marke handelte, an die ich mich erinnerte. Ich dachte, es würde zehn Jahre dauern, bis ich hatte, was ich wollte.

Heute, 16 Jahre danach, kommen wir allmählich dorthin. Ich werde da sein und die nächste Jaguar-Generation sehen. Ich gehe nicht weg. Sogar wenn man mir einen Job bei Ferrari oder Porsche anböte, würde ich nicht gehen. Auf keinen Fall. Man legt sich eben auf eine Marke fest …“


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