Die besten Sportwagen meistern nicht nur die Rennstrecke, sie müssen sich auch im Straßenverkehr bewähren. Auf zum Alltagstest ...

Willkommen im Himmel

„Wollen wir tauschen?!”, brüllt ein Mann aus einem überladenen VW Passat Kombi zu mir herüber. Jedenfalls meine ich das verstanden zu haben. Es dauert etwas, bis mein eingerostetes Deutsch eine Übersetzung liefert, und auch wenn der Motor gerade im Leerlauf ist, tut das nüchterne Carbon-Interieur des 458 Speciale gerade sein Bestes, jede noch so kleine Vibration zu übertragen und meinen Kopf mit intensivem weißem Rauschen zu füllen. Außerdem bin ich gerade einen Pass raufgefahren, ziemlich schnell, und hab das Gefühl, mir hätte jemand ständig in die Nieren geschlagen.

„Ja!“, schreie ich zurück und fuchtle in der Luft herum, als hätte mich gerade ein Bienenschwarm attackiert, „ein Ferrari – sehr laut“, wobei mir das LAUT in einer Tonhöhe entfährt, die mich leicht verrückt erscheinen lässt. Jedenfalls sehen die Kinder des Mannes ziemlich verängstigt aus. „Ich spreche kein Österreich – nichts für ungut!“, rufe ich, als der Mann den Rückwärtsgang einlegt. Wenn er zu Fuß unterwegs wäre, würde er jetzt mit einem leichten Raunen und den Handflächen nach vorne den Rückzug antreten. Seine Frau schaut ebenfalls zunehmend besorgt drein und murmelt etwas aus dem Mundwinkel. Als sich eine Lücke im Verkehr auftut, zieht der Passat mit übertrieben viel Gas davon.


Willkommen im Himmel

Nachdem ich mein Scherflein zur Völkerverständigung beigetragen und im Nachhinein erkannt habe, dass es wohl nicht möglich ist, „Österreich zu sprechen“, setze ich mich wieder in Bewegung und folge einer verängstigten deutschen Familie den Berg hinauf bis zur Passhöhe, wo ich auf den Rest der Gruppe treffe. Und was für eine Gruppe! Nach einer immer offener werdenden – um nicht zu sagen unflätigen und mit Kraftausdrücken gespickten – Diskussion darüber, was wir auf unseren Straßentrip mitnehmen, und mindestens einem bissigen Seitenhieb gegen den offenkundig illegalen Mazda MX-5, haben wir uns für die Autos entschieden, die uns den größten Spaß versprechen, und nicht unbedingt für die schnellsten. Aber wir sind schließlich bei TopGear, also sind die meisten der richtig schnellen eh mit dabei. Wen wundert’s?


Willkommen im Himmel

Der Ferrari 458 Speciale und der Lamborghini Huracán verstehen sich von selbst. Genauso bestand auch der Porsche Cayman GT4 die Qualifikationsrunde mit Leichtigkeit. Der Mégane hat es als heißes, aber edles Hatchback-Arbeitstier geschafft. Die Z06 hat einige Debatten ausgelöst, aber nach einer brutal guten Leistung auf der Rennstrecke waren wir der Meinung, dass die Neuauflage der Corvette einige Straßenkilometer verdient hat. Auch der C 63 bekam eine Wildcard, nachdem alle von seiner perfekten Symbiose aus viertüriger Alltagstauglichkeit und reifenmordendem Rowdygehabe beeindruckt waren. Und dann noch der Nomad. Kein Sportwagen, aber ein Auto, das jeder unbedingt mal ausprobieren wollte. Bis es anfing, kalt zu werden oder zu regnen, und alle sich in den erwähnten Mercedes flüchteten.


Willkommen im Himmel

So wurde es ein lustiger kleiner Konvoi, der sich ins tiefste Österreich aufmacht, auf der Suche nach holprigen und abwechslungsreichen Alltagsstraßen. Ehrlich gesagt, müssen wir nicht lange suchen. Von Spielberg aus gehts nach Westen, erst über die S36, dann die 317, bevor uns die 96 und die 97 und eigenartigerweise erst dann die 95 zur Turracher Höhe führen. Wir fahren weiter über verkehrsreiche kurvige Talsträßchen, streifen ein paar kleine Dörfer, versuchen erfolglos, unauffällig zu bleiben, und biegen zwei Stunden später links ab, Richtung Unterwinkl und weiter zur Nockalmstraße.

Die Nockalmstraße ist eine wenig bekannte Passstraße und schlängelt sich mitten durch den Nationalpark Nockberge in Kärnten. Sie verbindet das Liesertal mit dem Gurktal und bietet über 34 Kilometer eine Autospielwiese aus 52 Kurven. Die unteren Regionen sind dicht bewaldet mit Fichten, Lärchen und Kiefern, und je höher man kommt, desto mehr gibt die dünner werdende Vegetation den Blick auf das frei, was der örtliche Tourismusverband als die „Nocky Mountains“ anpreist. Hört sich lustig an, ist es aber nicht. Was als leicht geschwungene, schnelle und gut überschaubare Straße anfängt, verdichtet sich – je näher man der auf über 2 000 Meter liegenden Passhöhe kommt – zu überaus anspruchsvollen Kehren. Perfekt. Aber die Probleme fangen schon ganz unten an.


Willkommen im Himmel

Ihr denkt, es wird einfach. Schließlich sitze ich in einem Lamborghini Huracán mit V10-Motor, 610 PS und Allradantrieb, und das orangefarbene Ufo hinter mir hat nur 238 PS, Hinterradantrieb und Geländereifen, ganz zu schweigen von einer Aufhängung, die aus Gelee zu sein scheint. Aber so sehr ich mich anstrenge, ohne dabei gefährlich und unsozial zu werden, ich kann den kleinen Ariel Nomad einfach nicht abhängen. Was sein Fahrer auch immer da macht, er macht es äußerst effizient, denn das Geschoss springt herum wie ein tollwütiger Hund – wild zusammengedrückte Aufhängung, verrückte Winkel bei Sturz und Nachlauf.


Willkommen im Himmel

Der Huracán dagegen ist einfach nur massiv. Bei mittlerem bis hohem Speed ist er durch nichts zu erschüttern – mit einem Getriebe, das nicht ruckelt, einer Aufhängung, die immer perfekt ausgleicht, und einer Straßenlage, wie man sie von einem so flachen Keil erwartet. Noch schneller und du reißt die Augen noch weiter auf. Der kleine Lambo wird agiler, du spürst mehr vom Heckantrieb und kannst dich voll in die Kurven reinlegen. Die Lenkung fühlt sich etwas unnatürlich an, aber es ist schwierig, sich zu mäßigen. Der Huracán ist zwar der kleinste Lamborghini, aber hier auf unserer Tour ein gewaltiger Einstieg. Vielleicht hätte ich nicht mit ihm beginnen sollen – alles was jetzt noch kommt, kann sich ja nur noch lahm anfühlen.


Willkommen im Himmel

An der Mautstation der Nockalmstraße gönnen wir uns eine Atempause. Die Nationalparkstraße – erst 1981 eingeweiht – schlängelt sich malerisch den Berg hinauf und wurde erst kurz vor unserem Trip nach der Schneeschmelze wieder geöffnet. Zeit, in den Nomad umzusteigen, bevor es zu kalt wird. Ordentlich festgezurrt, lasse ich den Motor an und erkenne schnell, was hinter dem ganzen Hype steckt.

Meine Güte, dieses Ding ist das ultimative Spaßgerät. Die großen Räder und die weiche Aufhängung kommen einem lebensgefährlich vor, sind es aber nicht. Okay, er lehnt sich sehr stark zur Seite, und ja, in der Kurvenmitte ist die Lenkbelastung so hoch, dass die Armgelenke knirschen, aber wenn man sich daran gewöhnt hat, ist er einfach nur irre schnell. Der Motor muss ziemlich angestrengt arbeiten, doch das Schaltgetriebe ist präzise und schnell und der Motor reagiert gut. Mit nur 650 Kilogramm ist der Nomad ein Fliegengewicht und auch in der Kurvenmitte noch leicht steuerbar. Es fühlt sich etwas komisch an, mit ihm herumzurutschen, aber er gehört zu den Autos, die fahrdynamische Unzulänglichkeiten mit guten Charaktereigenschaften spielend wettmachen. Am Limit ist er weitaus umgänglicher als der Atom, langsamer zwar, aber spaßiger. Ich lache in mich hinein, als ich in einer Kurve auf etwas Kies ausrutsche, fast den Hang hinunterstürze und den Wagen wieder einfange. Aber genau das macht ihn aus – er stachelt dich an und kann dich in alle möglichen Schwierigkeiten bringen, doch auf eine nette Art.


Willkommen im Himmel

Auf dem Parkplatz Eisentalhöhe, dem höchsten Punkt der Nockalmstraße, halte ich Ausschau nach einem Gegenpol. Meine Wahl fällt auf die Corvette, eine ordentliche Portion Dampf aus einem V8-Turbolader ist jetzt genau das Richtige. Dampf ist da, fast schon ein bisschen zu viel. Nein, wirklich, um die Z06 um diese Kurven zu bewegen, da muss man seinen Allerwertesten schon ganz schön zusammenkneifen. Die Getriebeübersetzung ist galaktisch – meist brauche ich nur die ersten beiden Gänge –, und um das Drehmoment von 881 Newtonmeter ohne durchdrehende Räder auf den Boden zu kriegen, ist Trickserei gefragt. Die Reifen haben extrem viel Grip, weshalb die Vorderachse beim Einlenken sehr vertrauenerweckend ist, aber der Motor ist so stark, dass das Heck nach anfänglich guter Haftung plötzlich ruckartig nachgibt. Das Performance-Traction-Management-System hilft zwar, aber diese Straßen verlangen einfach nach einer natürlicheren Verbindung von Auto und Asphalt. Auf der Rennstrecke war die Corvette übermächtig, aber hier auf diesen engen, technisch anspruchsvollen Straßen ist sie zu groß, überbereift, übermotorisiert und schwerfällig wie ein Vorschlaghammer. Ich bin, ehrlich gesagt, enttäuscht – die Fahrt hinunter von der Passhöhe ist einfach nur ein Dahinplätschern mit unendlich viel Drehmoment, und obwohl die Z06 ein fantastisches Auto ist, gehört sie einfach nicht hierher.


Willkommen im Himmel

Der Mégane leidet nicht unter diesem Muscle-Car-Syndrom. Nein ehrlich, wer sich nach der Sinnhaftigkeit von Autos mit 650 PS fragt, für den ist der Trophy-R das perfekte Beispiel dafür, dass man auch mit der Hälfte einen absolut zufriedenstellenden Sportwagen bauen kann. Er bietet keinen satten Motorsound – es ist eher ein Turborauschen als eine auditive „Erfahrung“ – und im Cockpit siehts total fade aus, aber wenn man sich erst mal damit angefreundet hat, dass einen das mechanische Frontdifferenzial aus jeder der irgendwie angesteuerten Kehren auf der Nockalm sicher herausholt, macht er fast schon süchtig. Warum? Weil er voll alltagstauglich ist. Du gehst immer wieder an die Drehzahlbegrenzung ran, schleuderst ihn in eine Kurve und fühlst dich total sicher und in deiner Intuition gefordert. Kein Übersteuern infolge Gripverlust am Heck im Kurveneingang, lediglich ein wenig leicht auszugleichendes Untersteuern beim schnellen Herausbeschleunigen und jede Menge Spaß dazwischen. So sehr ich ihn eigentlich nicht mögen wollte – die Gurte sind ein Witz –, der Trophy-R ist eine echte Alltagswaffe. Solche Autos braucht man, wenn die Straßenbegrenzung lückenhaft ist und unsauberes Fahren Konsequenzen hat.


Willkommen im Himmel

Auch der C 63 überrascht auf der Straße. Mit ihrem nüchternen, fast schon langweiligen Äußeren wirkt die AMG-Limousine, als sei sie die Vernunftsmaschine der Gruppe – nur deshalb hier, um dem ganzen übertriebenen Getue entgegenzuwirken. Der Eindruck täuscht. Ein bollernder Auspuff, gute Straßenlage, exakte Lenkung; der Mercedes bringt sein spürbar hohes Gewicht schnell auf Touren, voll AMG halt, mit einem 4,0-Liter-Biturbo-V8, der keinen Makel offenbart. Schalte alles aus und er zeigt sich ein bisschen derangiert, aber williger als der BMW M3. Er ist absolut brillant. Ein Wolf im Schafspelz.


Willkommen im Himmel

Nach zwei Stunden und mehreren Trips die Nockalmstraße hoch und runter stechen zwei Autos aus der Gruppe hervor: der Ferrari 458 Speciale und der Porsche Cayman GT4. Wenn je zwei Autos speziell für Bergpässe gebaut wurden, dann sind es diese beiden. Sie haben mehrere Dinge gemeinsam: Zugespitzt mit Lenkpräzision als Beilage, herrlich gesaugte Drehzahlen und jede Menge zuverlässigen Grip. Der Ferrari mag’s natürlich theatralischer: Von jeder Felswand hallt es Endzeitstimmung, ein Getriebereiben vom Allerfeinsten und die Lenkung spricht bei der leisesten Berührung des Volants an. Er hat – bei allen Ansprüchen, die mit der Marke Ferrari verbunden sind – etwas Transzendentales. Er verkörpert alles, was einen modernen Ferrari ausmacht. Ironischerweise wird zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Berichts schon der turbogeladene 488 GTB auf dem Markt sein.


Willkommen im Himmel

Der Ferrari kostet außerdem 233.000 Euro ohne Extras, was den Cayman GT4 noch attraktiver macht. Vom Feeling her ist er eher ein 911 GT3 als ein aufgewärmter Cayman S. Ein Auto, das deine Reaktionen aufpoliert, deine Fahrkünste verfeinert. Ein manuelles Getriebe, das mehr Engagement ins Spiel bringt und bei dem beim Herunterschalten die Motordrehzahl automatisch angepasst wird, während du mit gleichbleibender Präzision durch die Landschaft pflügst. Das Motorengeräusch gipfelt in einem rauen, metallenen Kreischen, die Aufhängung ist straff, aber gefügig, und von allem ist immer ein bisschen mehr da – mehr Grip, mehr Speed, mehr Spaß. Er ist schon fast ein richtungsweisender Sportwagen in diesem Preissektor.


Willkommen im Himmel

Nachdem ich mich durch ein extrem starkes Teilnehmerfeld gearbeitet habe, steht fest, dass es hier keinen Verlierer gibt. Die Z06 passt nicht zu diesen Straßen, aber auf dem richtigen Terrain kann ihr in Sachen Dampf pro Dollar keiner das Wasser reichen. Der Ferrari und der Lamborghini sind absolut überragend und machen extrem glücklich. Der Mégane wäre gigantisch, wenn er nur die Hälfte kosten würde (für 40.000 Euro dürfte er auch keinen Deut schlechter sein), und der Mercedes C 63 zeigt, dass man Ruhe und Sturm gleichzeitig haben kann. Der GT4 ist eines Kaisers wert, ein unglaubliches Auto, für das man fast seine Kinder verkaufen würde. Und der Nomad sticht dadurch hervor, dass er einfach nur albern, aber extrem begehrenswert ist. Alle sind sich einig, dass es kein besseres Spaßvehikel gibt.

Ich denke gerade über jene schwierige Frage nach, als ein vertrauter, überladener VW in mein Sichtfeld gerät und wir in der Dämmerung mit unserem Konvoi durch den letzten Talabschnitt flitzen – laut, verrückt, schnell und berauscht. Während die erschreckten Gesichter im Rückspiegel kleiner werden, steht für mich fest: Nein, ich möchte nicht tauschen. Keinen einzigen der sieben.


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