Wie sich italienische und deutsche Supersportwagen anzufühlen haben, wissen wir, oder? Scheinbar haben Lambo und AMG die Info nicht gekriegt …

Lamborghini Huracán vs Mercedes-AMG GT S

Wenn man sich die Motorenvielfalt der Formel 1 vor rund 50 Jahren ansieht, könnte einem schwindelig werden. 1966 waren zwei und drei Liter große V8-Maschinen am Start, ein ein Liter kleiner Reihenvierzylinder, ein V6 von Ferrari, eine Menge Zwölfzylinder und – am beeindruckendsten – ein Dreiliter-H16. Ein H16! Zeitgenössische Berichte erzählen von einem eher begrenzten Erfolg des „schweren und komplexen“ Motors. Ach nein.

In der Formel 1 haben wir so eine Vielfalt schon lange nicht mehr gesehen. Das Gleiche gilt in anderen Bereichen der Technik. In den Anfangsjahren der Smartphones gab es Aufklapphandys, Schiebehandys und solche mit ziemlich unhandlichen ausklappbaren Tastaturen. Heute sehen alle Smartphones mehr oder weniger so aus wie ein iPhone. Auch die ersten Versuche, Wasser mit einem Kessel zu kochen, brachten wahrscheinlich ein paar gewagte Entwürfe hervor. Heute sieht jeder Kessel aus wie – na, eben ein Kessel. So wie der Stand der Technik voranschreitet, scheint die Vielfalt zurückzugehen.

Mit einer Ausnahme: schnelle Straßenfahrzeuge. Sehen wir uns nur mal die Auswahl hier bei der Speed Week an.




Lamborghini Huracán vs Mercedes-AMG GT S

Der elektrische Tesla P85D und der Hybrid-BMW i8 markieren die Extreme, aber selbst der Huracán und der AMG GT S bestätigen, dass es keinen Standard gibt, wenn es darum geht, zwei menschliche Körper mit Schmackes eine Straße hinunterzukatapultieren.

Klar, beide haben vier Räder und zwei Sitze, fahren mit Benzin, aber beide sind zwei völlig unterschiedliche Lösungen zum sehr schnellen Personentransport. In der roten Ecke ein heckgetriebener deutscher V8-Biturbo. In der irgendwie-schwarz-grauen Ecke ein allradgetriebener Italiener mit einem V10-Sauger in der Mitte.


Lamborghini Huracán vs Mercedes-AMG GT S

Vor seiner Markteinführung hatte ich in dem AMG GT S einen leichten, finanziell erreichbaren 911er-Konkurrenten gesehen, aber das ist er nicht wirklich. Das hier ist ein waschechtes Muscle Car, mit einem fauchenden, lärmenden V8 und genug Testosteron, um es mit einem Bullen aufnehmen zu können.

Der Vierliter-Biturbo geht vielleicht nicht mit der gleichen Brutalität zu Werke wie der frühere 6,2-Liter-AMG-Sauger, aber eindrucksvoll sind das enorme Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen und der metallisch-kreischende Sound allemal. Unterhaltsam? Keine Frage. Furchterregend? Ein bisschen.

So auch das Fahrerlebnis. Wie im Vorgänger SLS schaut man von sehr weit hinten auf die lange Motorhaube. Die Vorderräder scheinen sich einen ganzen Ort weiter vorn zu befinden, während man direkt zwischen den Hinterrädern zu sitzen scheint, wo jede auch noch so kleine Bewegung direkt mit dem Popometer spürbar ist.




Lamborghini Huracán vs Mercedes-AMG GT S

Das Ergebnis ist ein etwas unzusammenhängendes Fahrgefühl. Während man im Lambo immer mittendrin ist, ist man im AMG eher ein Pendel. Und das, obwohl der V8 eigentlich hinter der Vorderachse liegt, und der Schwerpunkt damit sogar hinter der Fahrzeugmitte.

Die Lenkung verstärkt dieses Gefühl der Distanz noch. Obwohl das Lenkungssetup mit der variablen Übersetzung den Mercedes vorn unglaublich reaktionsschnell macht, geht dabei auch ein bisschen das echte Gefühl verloren. Statt also im Lenkrad zu spüren, wenn die Vorderräder den Grip verlieren, musst du mit dem GT einfach rein in die Kurve und hoffen, dass er die Haftung behält. Tut er aber auch.

Manchmal sogar ein bisschen zu viel. Zur großen Überraschung der ganzen Speed-Week-Crew waren Drifts mit dem AMG GT S so gut wie unmöglich. Vielleicht war es die hohe Streckentemperatur, vielleicht der griffige Asphalt des Red Bull Rings, aber selbst TopGears besten Steuerfachleuten gelang es nicht, mit dem GT gleichmäßige Driftbewegungen hinzulegen.




Lamborghini Huracán vs Mercedes-AMG GT S

Zum Teil liegt das natürlich daran, dass man zum wirklichen, echten und absolut kompletten Ausschalten aller elektronischen Helferlein ein abgeschlossenes Elektronikstudium braucht. Aber selbst, als wir alle Codes geknackt haben, verhielt sich der Mercedes in puncto Übersteuern immer noch etwas radikal. Eigenartig, denn sonst wollen AMG-Produkte immer schon bei jeder noch so kleinen Provokation in einen Drift verfallen – etwa wenn man aus einem Supermarktparkplatz rausfährt.

Aber das ist mit ausgeschalteter Traktionskontrolle. Wer zurück in den „Sport+“-Modus wechselt, findet einen Sportwagen mit jeder Menge Grip und brutalem Speed vor. Dennoch erinnert mich der AMG an den BMW M4, den wir bei der Speed Week im letzten Jahr dabei hatten. Schnell war er, keine Frage, und ein eindrucksvolles technologisches Statement ebenso. Trotz allem aber ein Auto, das seinen Fahrer immer etwas vom tiefsten inneren Geschehen fernhält.


Lamborghini Huracán vs Mercedes-AMG GT S

Manch einer mag es unfair finden, einen Mercedes-Sportwagen mit einem Lambo zu vergleichen, aber so weit sind die beiden gar nicht auseinander. An Leistung fehlt es dem AMG nicht wirklich, sein V8 leistet 510 PS gegenüber den 610 aus Lamborghinis V10. Und ja, die Preise für den GT starten bereits bei 115.000 Euro in der 462-PS-Basisversion, die Preise für den Huracán gehen erst bei 200.000 Euro los.

Vielleicht ist es etwas ungehobelt, wenn man im Zusammenhang mit einem 200.000 Euro teuren italienischen Exoten von Gegenwert fürs Geld spricht, aber wenigstens ist der Huracán zwei Autos in einem: Auf der einen Seite ein reinrassiger V10, ein grandioser Sauger, der mit willigem Kreischen bis an die Grenze von 8 250 U/min geht, und der die kleinste Gaspedalberührung mit sofortiger, wilder Beschleunigung beantwortet. Auf der anderen Seite ist er der benutzerfreundlichste und umgänglichste aller Allradsportwagen, ein Auto, das dich anspornt, auch den kleinsten Rest aus Motor und Reifen zu holen, dabei mit einem hoch präzisen Doppelkupplungsgetriebe, das um Welten besser ist als das rabiate automatisierte Schaltgetriebe aus dem Aventador.


Lamborghini Huracán vs Mercedes-AMG GT S

Auch die Allradauslegung ist großartig. In der Kurve kannst du den Huracán präzise mit dem Gas zwischen Über- und Untersteuern halten, während die Vielscheibenkupplung die Kraft nahtlos zwischen Vorder- und Hinterachse verteilt. Es fühlt sich nie so an, also würde er gleich zurückbeißen, er ist immer voll auf deiner Seite. Bestimmt gab es nie einen umgänglicheren Mittelmotor-Supersportwagen als diesen hier. Du weißt immer genau, woran du bist. Und vor allem auch, wann er den Grip verlieren wird. Ich merke, das ist so ein Satz, den man schreibt, bevor man ein paar Wochen später in irgendeinem Feld wiedergefunden wird, nur ein verlorenes Lenkrad in der Hand und überall Bruchstücke eines Lambo rundum, aber bis dahin bleibe ich bei meiner Aussage.

Ich kann keinen Schwachpunkt finden – über die Tatsache hinaus, dass der Huracán eben 200.000 Euro kostet. Die Sicht nach hinten ist nicht zu toll, aber wem das wichtig ist, der wird wohl keinen italienischen Mittelmotorsportwagen auf seiner Einkaufsliste haben. Und auf manch einen mag der Innenraum mit all seinen Ecken und Leisten und dem ganzen Kampfjet-inspirierten Tralala ein bisschen jugendlich-albern vorkommen. Aber ist das nicht der ganze Sinn und Zweck eines italienischen Mittelmotorsportwagens?

Der Huracán ist weniger abrupt als seine Vorgänger, und doch hat der Feinschliff an den Ecken und Kanten den Appeal des Lambo nicht abgestumpft oder verwässert. Er sorgt nur dafür, dass viel mehr von der Leistung viel öfter abrufbar ist. Sicher, es wird schon noch schnellere und radikalere Versionen geben – einen vom GT3 inspirierten Super Trofeo zum Beispiel oder einen superleichten Superleggera, vielleicht sogar eine heckgetriebene Version – aber dieses ach so zahme Grundmodell würde mir schon reichen, danke.




Lamborghini Huracán vs Mercedes-AMG GT S

Der AMG GT S ist zweifelsohne ein unwiderstehliches Auto. Eines, bei dem man sich ein bisschen anstrengen muss, um das Beste aus ihm herauszuholen. Was vielleicht in dieser WLAN-vernetzten, Content-on-demand-Welt des Instant-Streaming auch gar nichts Schlechtes ist. Nur darf man nicht erwarten, sich einfach reinzusetzen und sofort wie ein Star zu fahren. Im Lambo dagegen fährst du jedes Mal wie ein Gott am Steuer. Ein hysterischer Supersportwagen und ein freundlicher Allradsportwagen in einem. Das ist echte Vielfalt, oder nicht?


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