Wir haben den V12-Hypersportwagen bewegt, und er uns

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Der F12tdf? Ist das nicht das Ding, mit dem Kimi Raikkonen kürzlich Donuts auf die Hauptgerade in Mugello gemalt hat?

Jepp. Wir vermuten, es hat Spaß gemacht. Und wir wissen, dass es bei Sebastian Vettel definitiv so war, weil er uns kürzlich auf Ferraris Teststrecke in Fiorano in die Arme lief.
Im Grunde ist der tdf eine verschärfte Version von Ferraris V12-Frontmotor-Flaggschiff. Doch der große Partytrick des Wagens ist die Allradlenkung. Die Hinterräder werden gleichsinnig mit den Vorderrädern eingeschlagen, was Stabilität und Agilität bei hohem Tempo erhöht.

Vettel kennt sich natürlich mit solchen Dingen aus, aber mit einem Trockengewicht von 1415 Kilo ist der F12tdf rund doppelt so schwer wie sein SF15-T, das aktuelle Formel-1-Auto.

„Die Stabilität bei hohem Tempo und die Balance sind unglaublich“, sagt er uns grinsend. „Er ist unglaublich schnell, aber richtig überwältigend ist, wie er sich in Kurve sieben [Fioranos berüchtigte, schnelle Rechts-Links-Kombination] anfühlt  …”

Hat er recht?

Wir könnten es nicht besser ausdrücken. Außerdem, Vettel hat ein besonders empfindliches Formel-1-Vierfach-Weltmeister-Popometer, also warum sollten wir widersprechen?

Der F12tdf ist nach dem 250 GT benannt, der die Tour de France, das berühmte französische Straßenrennen dreimal in Folge gewann (1956, 1957 und 1958), genauso wie die Targa Florio und andere schmerzlich vermisste Events.

Aber das neue Auto ist ein ganz zukunftsorientierter Ferrari. Daher würden wir sagen, der Name war ein Fehlgriff. Aber offenbar entschied Piero Ferrari höchstselbst, dass er angemessen sei, und wir möchten ihn nicht gerne ärgerlich machen. (Aber bitte: Es ist kein Turbodiesel, okay?)

Also, um was geht es?

Da schon der 488 GTB mit seinen 670 PS genug Power hat, um den LaFerrari zu ärgern, hat der F12tdf eine völlig andere Mission. Er erkundet abgelegenes Terrain, und Ferrari fordert sich damit selbst heraus. Und die Kunden natürlich auch.

Okay, Honda hatte damals in der Mitte der 80er eine Allradlenkung im Prelude, und Porsches aktueller 911 GT3 hat ebenfalls eine aktive Hinterachse. Aber Ferrari hat sich hier, wie zuvor schon bei dem trickreichen 599 GTO, von der Luftfahrt inspirieren lassen, um auf elektronischem Wege besondere Handlichkeit zu erreichen.

„Wir sind an der vordersten Front der Automobiltechnik,” erzählt uns Ferraris Chef-Testfahrer Raffaele de Simone. „Ein guter Fahrer ist nötig, um das Beste aus dem Wagen herauszuholen. Man kann nicht einfach in den F12tdf hineinspringen und bis an die Grenze gehen. Man muss verstehen, wozu er fähig ist. Und man muss ihn sehr linear und präzise fahren.”

Wie Kimi ungefähr?

Nicht wie Kimi. Zumindest nicht am Anfang. Nach einer schnellen Runde mit Raffa gingen wir ans Steuer und begannen sofort, laut zu fluchen. Der erste Eindruck war: Das Auto ist noch raketenartiger als der normale F12, bietet aber eine außergewöhnlich gute Kontrolle über die Karosserie und einen phänomenalen Grip.

Man spürt definitiv, wie die aktive Hinterachse – Ferrari nennt sie „passo corto virtuale” oder „Virtual Short Wheelbase” (virtueller kurzer Radstand) – arbeitet, und anfangs ist das ziemlich seltsam, ja fast beunruhigend.

Im Race-Modus ist der F12tdf erstaunlich schnell und stabil. Aber schaltet die Wächter aus, und es wird schnell haarig – solange, bis ihr richtig Übung habt.

Dieses Auto möchte einen Jedi-Ritter-Trick mit euch ausprobieren. Entweder das, oder ihr müsst lernen, die Macht zu nutzen …

Danke, Obi-Wan. Können wir noch was zum Rest des Autos erfahren?

Der Motor ist der 6,2-Liter-V12 aus dem F12. Dessen (auch nicht gerade schäbigen) 740 PS wurden hier auf 780 PS gesteigert. Er kann nun hinauf bis auf 8900 U/min drehen, und schaufelt 705 Newtonmeter bei 6750 Touren auf die Kurbelwelle.

Das Doppelkupplungsgetriebe hat andere Übersetzungen, das Heraufschalten geht 30 Prozent schneller, das Herunterschalten 40 Prozent. Der Wagen beschleunigt in 2,9 Sekunden auf 100 km/h, Tempo 200 ist nach 7,9 Sekunden erreicht, und maximal sind 340 km/h drin.

Die Bremsen sind vom LaFerrari, das ganze Arsenal der Voodoo-Aerodynamiker ergibt einen 87 Prozent höheren Abtrieb, und die Karosserie wurde stärker überarbeitet, als die Bilder es nahelegen. Vergleicht zum Beispiel das hintere Seitenfenster mit dem des normalen F12. Und guckt euch das umgestaltete Heckfenster an, es ist stärker geneigt und wirkt als Spoiler.

Es gibt sogenannte “dive planes”, einen Heckdiffusor, einen größeren Heckspoiler, und eine Aerobridge aus Carbon führt die Luft über die oberen Partien der Flanke bis zum Heck. Verblüffendes Zeug.

Und innen?

Das Cockpit ist nicht komplett spartanisch, aber es gibt freiliegendes Carbon und die Sitze sind großartig. Abgesehen von ein paar herausstehenden Schraubenköpfen ist das Interieur sehr gut verarbeitet.

Nichts gleicht dem Erlebnis, hinter dem Lenkrad eines großen Ferrari-GTs mit V12-Frontmotor zu sitzen. Selbst wenn man den Schlüssel nur für vier Stunden hat.

Wie fühlt er sich auf der Straße an?

Wahnsinnig gut. Man muss eine heldenhafte Selbstdisziplin haben, um nicht mit Warp 10 zu fahren. Der Leistungsrausch macht süchtig und der Sound des V12 ist gewaltig.

Beim tdf drückt es die Karosserie stärker nieder als beim normalen F12. Die Art, wie er hier, 40 Minuten von Maranello entfernt, auf den kurvigen, abwärts führenden Straßen die Richtung wechselt, ist wirklich beeindruckend – für ein Auto dieser Größe, dieses Gewichts und dieser Konfiguration. Er ist auch gut gedämpft, so dass ihr auch bei schrecklichen Asphaltverhältnissen ein verrücktes Tempo vorlegen könnt.

Die Vorderreifen – speziell entwickelte Pirelli P-Zero – messen hier 275 statt 255 Millimeter. Und obwohl die normale Lenkung die gleiche wie im F12 ist, lassen euch die Hinterradlenkung, die Elektronik und das E-Diff durch die Kurven brausen, wie es nach den Gesetzen der Physik eigentlich unmöglich ist.

Das Auto ist so neutral, gelassen und agil wie ein kleinerer, leichterer Mittelmotor-Wagen, hat aber gleichzeitig den Donner und die kolossale Kraft eines großen Sportwagens mit V12-Sauger. Eine technische Glanzleistung.

Nachteile?

Die üblichen. Erstens, der F12tdf kostet über 470.000 Euro. Aber die Preisfrage ist müßig, denn alle 799 Stück sind bereits verkauft.

Wie üblich kann sich Ferrari seine Kunden aussuchen, daher haben die glücklichen Empfänger bereits mindestens fünf Ferraris in der Garage. Aber keiner davon ist wie dieser.

Wir sind nicht überzeugt, dass jeder Kunde sich über beide Ohren in den tdf verliebt. Das liegt an der leicht überspannten Art des Wagens. Er wird definitiv umso anstrengender, je schneller man fährt. Aber er belohnt die Anstrengung auch auf spektakuläre Weise.

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