Ein normaler P1 ist euch zu schwach? Keine Panik, es gibt jetzt den GTR. Heute dürfen wir ihn fahren. Aber zuerst muss eine Prüfung bestanden werden …

Mit dem 1000 PS starken McLaren P1 GTR über die Rennstrecke

Drei Tage vorher kriege ich es mit den Nerven. Bis zu dem Anruf sage ich mir, der P1 GTR ist nur ein Auto, mehr nicht. Mit vier Rädern, einem Motor, zwei Sitzen und einem Lenkrad. Praktisch ein Mazda MX-5. Was sollte mich da einschüchtern? Doch dann kommen die Erinnerungen. „Du hast doch schon mal einen P1 gefahren? War das auch nur ein Auto? Ich kann dir auf die Sprünge helfen, wie das war, als 916 PS auf feuchter Straße nur auf die Hinterräder losgelassen wurden.“ Und ich muss zugeben, der P1 erinnert mehr an eine zerstörerische Waffe als an ein Auto.

Und dann der Anruf von McLaren. „Wir schicken jemanden vorbei, der dich einführt, dir erklärt, was was ist und die eine oder andere Demorunde mit dir fährt.“ Mit anderen Worten, ein Kindermädchen. Um sicherzustellen, dass ich nicht einen zweieinhalb Millionen Euro teuren, reinrassigen Supersportwagen für die Rennstrecke in Kurve 1 auf dem Red Bull Ring zerlege (viel wahrscheinlicher ist dabei Kurve 3, die abschüssige Bremszone hier ist mörderisch). „Wie dem auch sei“, sagt die Stimme am anderen Ende, und ich kann merken, dass sich da etwas aufbraut, „Bruno Senna kommt mit dem Flieger nach …“


Mit dem 1000 PS starken McLaren P1 GTR über die Rennstrecke

Ich kann mich nicht mehr erinnern, was er danach gesagt hat. Ich war auch noch ein bisschen benommen, als ich meinen Kollegen erzählt habe, dass McLaren einen Fahrlehrer schickt, um uns ein paar Tipps zu geben.

Bruno Senna gibt uns Tipps. Ich versuche zuzuhören, aber ich bin überwältigt. Guckt euch doch den GTR nur einmal an. Vor allem diesen Flügel hinten. Der allein macht 400 Kilogramm Abtrieb. Völlig Banane. Vorhin habe ich zugesehen, wie sie den vom LKW abgeladen haben. Also, wir alle haben zugesehen. Denn obwohl einige ziemlich leckere Besonderheiten auf uns in der Boxengasse warten, gibt es doch keinen Zweifel, das hier ist er. Der Star der Show. Der große Käse. Die Hauptattraktion.

Gebannt beobachten wir, wie die Boxenmannschaft von McLaren kilometerweise Kabel, unzählige Ersatzteile und Werkzeugkoffer vom LKW lädt und in Garage 19 verstaut. Und während alle anderen die Inconel-Auspuffanlage bestaunen und mit offenem Mund auf den Heckflügel zeigen, oder mit einem der herumliegenden Aluminiumräder mit den Michelin-Slicks herumspielen („Sliiiiicks“), verziehe ich mich in die Garage, um mich zu sammeln.




Mit dem 1000 PS starken McLaren P1 GTR über die Rennstrecke

Wie schnell kann ein Straßenfahrzeug, oder eben ein extremer Rennwagen, wirklich sein? Wie weit will man gehen? Außer den physikalischen Grenzen gibt es keine. Also fangen wir mit 1 000 PS an, geben die Rennslicks dazu, um die Leistung auch auf den Asphalt zu bringen. Und um doppelt sicherzugehen, dass da nichts abhebt, hauen wir bei 240 km/h hinten auch noch 660 Kilo Abtrieb drauf. Der GTR kommt in jeder Runde dreimal auf 240 km/h. Einer Runde, die nur 93 Sekunden dauert bei 169 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit. Selbst der Zweitschnellste hier braucht zwölf Sekunden länger.


Mit dem 1000 PS starken McLaren P1 GTR über die Rennstrecke

Der P1 GTR entsteht im britischen Woking in der gleichen Produktionshalle wie der Serien-P1. Jeder GTR legt kurz vor Fertigstellung einen kurzen Besuch bei MSO (McLaren Special Operations) ein, aber ansonsten sind die meisten Chassisbauteile identisch: die Carbonwanne, die Hilfsrahmen vorn und hinten sowie der 3,8-Liter-Biturbo-V8 mit dem Elektromotor unter der linken Zylinderbank, der seine Energie aus einem Batteriepack unter den Sitzen bezieht, und sein Drehmoment vor dem Getriebe auf die Kurbelwelle wuchtet.

Der E-Motor leistet nun 147 kW (200 PS) – zusammen mit den ziemlich unnötigen 800 PS (plus 63 PS) des Verbrenners kommen wir auf berauschende 1 000 PS. Ah, und Gewicht wurde auch überall rausgenommen. Durch den feststehenden Spoiler konnte auf die schwere Hydraulik verzichtet werden, leichtes Polykarbonat ersetzt schweres Glas auch bei der Frontscheibe, und mehr Carbon gibt es auch. Insgesamt wurden 150 Kilo eingespart, während Fahrwerkskomponenten und -geometrie verändert wurden. Aber die sind ja sowieso einstellbar.


Mit dem 1000 PS starken McLaren P1 GTR über die Rennstrecke

Doch das hier ist ein Rennwagen. McLaren zieht die Grenzen nicht so eng wie Ferrari bei seinen XX-Modellen: Die Kunden dürfen ihre Autos mit nach Hause nehmen (man erzählt sich sogar, dass den britischen Spezialisten von Lanzante Motorsport erlaubt wurde, auf Kundenwunsch GTR-Modelle zur Straßentauglichkeit umzurüsten) – aber zuallererst soll der GTR ein Renngerät sein. Und wir sind hier auf einer Rennstrecke, wo mir ein Ex-Formel-1-Rennfahrer gut zureden möchte.

„Echt, mach dir keine Gedanken“, sagt Bruno, ein wirklich sehr netter Kerl, „du wirst merken, wie freundlich und leicht der GTR zu fahren ist.“ Unter den vielen Adjektiven, mit denen ich den Serien-P1 beschrieben habe, kam „freundlich“ nicht wirklich vor. Wir werfen einen Blick auf das Lenkrad (angelehnt an Lewis Hamiltons Formel-1-Siegerwagen von 2008) sprechen über die Bedienung, über IPAS und DRS, richten uns im Auto ein und ziehen die Gurte straff. Zuerst wird Bruno mit mir ein paar Runden drehen. Die Crew nimmt die Räder aus den Heizdecken und montiert sie unter dem infernalischen Kreischen der Pressluftschrauber, bevor sie den GTR von den eingebauten Ständern lässt. Auf Kommando lässt Bruno den Motor an, und schon sind wir unterwegs.


Mit dem 1000 PS starken McLaren P1 GTR über die Rennstrecke

Fangen wir mit dem Ende an. Es ist zum WEINEN.

Ich habe keine Ahnung, wie ich diese Zeiten erreichen soll. Bruno ist der späteste aller Spätbremser. Zweimal schießt er bei über 270 km/h über den Bremspunkt in der Remus-Haarnadelkurve hinaus – danken wir dem Gott aller Streckenmarshalls für die Auslaufzonen.

Wir haben Probleme mit dem Auto, also nicht wir selbst (obwohl, das erste Mal als Bruno so spät gebremst hat, habe ich mir in der Hundertstelsekunde zwischen dem Einsetzen von Panik und dem brutalen Einbremsen versucht auszumalen, wie ich mich rächen würde, wenn ich wieder aus dem Krankenhaus bin). Nein, es scheint, als hätten die 75 Kilogramm eines zusätzlichen Passagiers die Balance verändert, weshalb das verwirrte ABS in den welligen Bremszonen einmal die eine Seite und dann wieder die andere Seite brutal anpackt. Am Ende bremsen wir nicht nur völlig spät, sondern auch noch mit einem Heck, das wild von links nach rechts schwenkt. Etwas beunruhigend.




Mit dem 1000 PS starken McLaren P1 GTR über die Rennstrecke

Die Kräfte sind dabei so stark, und Bruno muss so hart arbeiten, dass ich rein gar nichts zur Verbesserung der Situation beitragen kann. Ich überlasse also alles dem Schicksal und sehe ihm zu, wie er sich abarbeitet.

Bruno zwingt den GTR unter hartem Bremsen in die Kurven, spielt Untersteuern und Übersteuern gegeneinander aus, in dem er mit irrsinnig schnellen Bewegungen am Lenkrad dreht, was mich gleichzeitig überrascht und einschüchtert. Wenn das Auto solche Künste erfordert …

Irgendwann ist es vorbei und ich darf mich aus dem McLaren fallen lassen. Bruno entschuldigt sich für die unverlangten Exkursionen, gibt dem ABS die Schuld und wendet sich seinen Ingenieuren zu. Ich fasse mich und mache mir klar, welche Aufgabe da vor mir liegt. Eins kann ich über den GTR sagen: Auf den Geraden liegt er unheimlich sicher, und auch die Traktion aus Kurven heraus ist überwältigend. Mein Genick tut mir weh. Fünf Runden mit Seitenkräften von 2,4g sind genug.




Mit dem 1000 PS starken McLaren P1 GTR über die Rennstrecke

Jetzt bin ich dran. Ich gehe es vorsichtig an, mache mich zwei, drei Runden mit der Kraft vertraut, mit dem Grip, den Bremsen. Aber die hektische Zackigkeit von Bruno – das hat alles mit seinem Fahrstil zu tun. Denn wisst ihr was? Der GTR ist unglaublich gutmütig. Besser noch als die Straßenversion. Das Problem beim Serien-P1 ist die Verbindung dieser leichten, unglaublich exakten Front mit dem 916-PS-Vorschlaghammer im Heck. Aufregend allemal, aber einfach zu fahren, nein.

In der GTR-Version dagegen kriegt der P1 endlich den Grip, den er braucht, um diese Kraft kontrollieren zu können. Ich bin die ersten drei, vier Kurven lang vorsichtig, aber länger braucht es nicht, um sich mit dem GTR zurechtzufinden. Dann kann man es krachen lassen, sich vom Grip an der Front, dem exakten Einlenken und der Mitteilsamkeit des Autos einvernehmen lassen. Und man kann in Kurven früher aufs Gas gehen, als ich es je für möglich gehalten hätte.


Mit dem 1000 PS starken McLaren P1 GTR über die Rennstrecke

Im abschüssigen Teil in meiner zweiten Runde glaube ich, dass meine Kraftstoffversorgung unterbrochen ist. Ist sie nicht – es ist nur die Traktionskontrolle, die sich meldet. Wie konnte McLaren ein 1 000-PS-Auto so umgänglich machen? Das Setup ist einfach irre. Das Chassis ist so mitteilsam, die Lenkung so wunderbar, dass man immer haargenau weiß, woran man ist. Man kann mit ihm bis an die Grenzen gehen – wie unglaublich ist das denn, bei einem Auto, auf das jede Menge Abtrieb drückt? Die Geschwindigkeiten sind nicht von dieser Welt, einfach verrückt, doch der GTR ist so verbindlich, dass man seine gesamten Reserven abrufen kann, sich auf den Hauch von Untersteuern verlassen kann, um zu wissen, dass das Auto schwer arbeitet.

Ich kann nur annehmen, dass der Elektromotor seinen Teil dazu beiträgt. Auffallen tut auch die völlige Abwesenheit eines Turbolochs. Nur sofortige Leistung. Eine Herausforderung stellen für mich die Bremsen dar. Ich kann mich nicht dazu bringen, so spät zu bremsen wie Bruno, oder so hart in die Kurven zu gehen wie er.

Eigentlich müsste mich dieses Auto einschüchtern, stattdessen bin ich geblendet von ihm, überwältigt. Ich muss laut lachen, denn dieses teure Renngerät ist wirklich wunderbar entgegenkommend. In meiner dritten Rennrunde habe ich bis auf eine Sekunde auf Bruno aufgeschlossen. Sicher hat er sich nicht sehr angestrengt, aber ich bin trotzdem zufrieden.




Mit dem 1000 PS starken McLaren P1 GTR über die Rennstrecke

Zurück in der Boxengasse großes Grinsen allenthalben. Ich schneide Grimassen, als uns auf einmal das Geräusch von Hubschrauberrotoren aufscheucht. Blacky Schwarz landet seinen Cobra-Kampfhubschrauber mitten im Paddock. Alle rennen sofort hin, selbst Bruno holt sein Smartphone raus. „Ollie, können wir dich bitten, nochmal mit dem GTR rauszufahren“, werde ich gefragt. Das muss man mich nicht zweimal fragen.

Was folgt, sind die besten 20 Minuten meines Lebens (sorry, Schatz). Ich werde zehn Runden lang von einem Kampfhubschrauber über den Red Bull Ring gehetzt, der mehr als doppelt soviel g-Kräfte aufnehmen kann wie ich, und dabei oft so nahe kommt, dass der Rotorenlärm meinen V8 übertönt und der Luftdruck durch meine Rippen wummert. Ich sollte am besten jetzt einfach abtreten. Besser wird es nicht mehr.


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